Personen aus der Szene: Jörg Eugster

Werbung

In unserer Reihe Personen aus der Szene” stellen wir euch regelmäßig Persönlichkeiten vor, die in Eurer Übersicht nicht fehlen sollten. Diese Menschen bringen die Szene wirklich voran und überzeugen mit spannenden Ideen und interessanten Insights.

Heute geht es um: Jörg Eugster

seo_portalHallo Jörg und vielen Dank, dass du dir die Zeit für ein Interview genommen hast. Viele unserer Leser kennen dich sicher als Consultant, Speaker und Autor, unter anderem bei Wifimaku. Aber stelle dich doch bitte selbst einmal vor.

Jörg GezeichnetSehr gerne, Oliver.

Nächstes Jahr werde ich schon 20 Jahre im Online-Marketing feiern können. Bei mir begann es mit dem Internet sehr turbulent. Ich habe 1997 mit einem Bekannten den Stellenbewerbungsservice jobwinner.ch gegründet, der dann 1998 live ging. Damals gab es wenige Stellenportale. Kurz nach unserem Start wurden wir vom zweitgrößten Verlagshaus, Tamedia Zürich, übernommen.

Ich habe dann rund zwei Jahre für Tamedias Internet-Tochter Winner Market AG als CIO gearbeitet. Eine spannende aber auch stressige Zeit, ein Startup innert 18 Monaten von Null auf 50 Mitarbeitende aufzubauen.

Jahre später half ich einem Startup aus der französischen Schweiz, swissfriends.ch aufzubauen. Meine Entschädigung war kein Lohn, sondern eine zehnprozentige Beteiligung an der Firma. Als wir dann 2008 von Edipresse, dem größten Verlagshaus der Westschweiz, übernommen wurden, gab es wiederum eine “nette” Belohnung.

Neben meinem Leben als Gründer bin auch in den folgenden Rollen aktiv:
Unternehmensberater, Keynote-Speaker, Dozent, Expert Member im Club 55 und schließlich Verwaltungsrat im Technologie- und Medienbereich.

Als Abschlüsse kann ich einen Titel als Betriebswirtschafter (FH) und einen Executive MBA vorweisen.

seo_portalDa bist du ja wirklich auf einigen Ebenen aktiv. Fangen wir mit etwas an, das ich persönlich sehr toll finde: deine Tätigkeit als Autor. Als ich im Online-Marketing anfing, hat mir dein Wifimaku einen wunderbaren Einstieg geboten. Wie bist du auf dieses Projekt gekommen und wie hast du es geschafft, es zu so einem großen und hilfreichen Lexikon auszubauen?

Jörg Gezeichnetwifimaku ist ja eigentlich ein eigenartiger Name. An Referaten sage ich immer scherzhaft, das sei japanisch und heiße “wie fischt man kunden”.

Begonnen hatte alles 2004. Damals schrieb ich eine Schulungsunterlage für die Fachhochschule in Basel. Der wollte ich einen einprägsamen Titel geben. Ich kam dann auf “Wie fischt man Kunden aus dem Internet?”. Das PDF war 102 Seiten groß. Das stellte ich ins Internet, wo man es gratis anfordern konnte. So bekam ich plötzlich aus dem ganzen deutschsprachigen Raum Anfragen. Das hat wirklich funktioniert.

Dann kam die größte Marketing-Zeitschrift der Schweiz, Marketing & Kommunikation (M&K), auf mich zu. Sie hatten Nachhilfebedarf in Sachen Online-Marketing. Ganz am Schluss schenkte ich ihnen das Skript und sagte ihnen, sie sollen was “Gescheites” daraus machen. Wenn was übrig bleibe, würde ich gerne die Hälfte davon nehmen. Daraus gab es dann drei Auflagen mit einer gedruckten Auflage von je 10.000 Stück. Das haben sie als Gratisbeilage für Ihre rund 7.000 Abonnenten dem Monatsheft beigelegt. Das war für mich die beste Marketingkampagne, die ich je gemacht hatte. Nachher kannten mich die meisten Marketingfachleute der Schweiz.

Nachdem der Verlag M&K das Projekt nicht mehr weiterführen konnte (es gab einen Personalwechsel), habe ich es als Online-Marketing-Wiki mit Ausgabe von E-Books weitergeführt. Das ist es heute noch.

Bis heute haben 24 Autoren ihr Wissen zum Besten gegeben. Es gibt mittlerweile 14 E-Books, alle gratis und franko. Die Autoren arbeiten völlig gratis. Das ist eben Content-Marketing für uns alle.

Das Lexikon ist eines davon und hat sich so über die Jahre ergeben. Ich sammle laufend neue Begriffe und publiziere diese.

seo_portalAus Zufällen entstehen also doch oft die besten Dinge. Wie läuft denn das Schreiben bei neuen Begriffen ab? Holst du dir Experten ins Boot, die du selbst kennst – oder bieten sich die Leute mittlerweile bei dir an?

Jörg GezeichnetZur Hauptsache sammle ich diese Begriffe selber, wenn ich Zeitschriften lese oder Begriffe irgendwo aufschnappe. Auf dem Lexikon von wifimaku (https://wifimaku.com/lexikon/) steht auf jeder Seite folgendes:
Vermissen Sie einen Begriff? Teilen Sie uns das bitte mit und wir versuchen, dafür eine Definition zu finden. Danke für Ihr Feedback.

Über diesen Weg habe ich dich schon einige Anregungen bekommen. Ich erwähne diese Personen auch namentlich und auf Wunsch mit Backlink.

Neue E-Books entstehen meist auf meine Initiative hin, dass ich potentielle Autoren direkt anspreche. So haben kürzlich Alex Schöpf mit Marketing Automation und Stephan Heinrich mit Content Marketing neue Kapitel beigesteuert, die ich dann als separates E-Book herausgegeben habe. Hier findet ihr alle aktuellen Werke: https://wifimaku.com/inhalte.

seo_portalIch kann mir vorstellen, dass es viel Spaß macht, ein solches Riesenprojekt stetig zu erweitern. Und wie gesagt, mir hat es bei meinem Einstieg unglaublich geholfen. Neben diesem Projekt bist du ja auch als Buchautor aktiv. Bald kommt dein Buch “Übermorgen” heraus, das wir dann auch rezensieren werden. Was steckt hinter diesem Projekt, und wie ist du darauf gekommen?

Jörg GezeichnetJa, es macht wirklich Spaß. Und wenn ich dann feststelle, dass Leute wie du davon profitieren konnten, dann hebt das die Motivation ungemein.

“Übermorgen – Eine Zeitreise in unsere digitale Zukunft” ist mein neustes Projekt. Ich habe mich im wahrsten Sinne des Wortes kurz vor Weihnachten 2016 auf die Insel abgesetzt und in 11 Tagen das Buch geschrieben. So konnte ich ungestört schreiben.

Das Besondere daran ist nicht der Inhalt an und für sich, sondern wie gewisse Elemente entstanden sind. Ich habe meine Community stark in den Gestaltungsprozess miteinbezogen. Nur ein Beispiel:

Der erste Vorschlag fürs Buchcover hat meinen Freunden auf Facebook nicht so gefallen. So habe ich über 99designs.com einen Design-Wettbewerb gestartet. Am Schluss dieses Prozesses habe ich wiederum die Facebookfreunde gefragt, welches Cover der drei Finalisten (Designer) ihnen am besten gefalle. Hier das Sieger-Cover von Stojan aus Serbien.

übermorgen Cover

Das Buch gibt es gedruckt und ich habe schon 1500 Exemplare verschenkt. Wirklich verschenkt. Kein Witz. So wie damals bei wifimaku. “Gib, gib, und du wirst nicht verhindern können, was zurückkommt.” Das sagte Gottlieb Duttweiler, der Gründer des Schweizer Einzelhändlers Migros, der seine Firma der Allgemeinheit verschenkt hat.

  • Alle Inhalte gibt es auch bei diesem Projekt völlig gratis online: https://wifimaku.com/uebermorgen
  • Der Blog zum Buch: https://uebermorgen.vision (Mobile Only als Experiment)
  • Natürlich betreibe ich weitere Social-Media-Kanäle wie Facebook, Twitter und Google+.
  • Social Open Book/Crowdsourcing: Die Leser/-innen dürfen gerne Anregungen, Änderungsvorschläge und Beispiele einbringen, die ich bei Gutdünken mit Namensnennung integriere.
  • Crowdfunding: Das Buch wurde teilweise mit Anzeigen finanziert.

Kurzum: Ich habe die ganze Klaviatur der Online-Instrumente spielen wollen, die für ein solches Projekt infrage kommen. Eine unglaubliche Erfahrung, wie die Leute mitgemacht haben. 20 Personen haben die Betaversion schon vorher gelesen und mir detailliert Feedback dazu gegeben. Einfach unglaublich.

seo_portalDa merkt man, dass du wirklich Marketer mit Leib und Seele bist. Wie bist du denn auf das Thema gekommen? Was fasziniert dich daran, über unsere digitale Zukunft nachzudenken?

Jörg GezeichnetRational kann ich das nicht begründen. Mich haben die Computer schon von Beginn weg fasziniert. Ich hatte schon einen “Commodere 64” mit Kassettenlaufwerk, später mit Floppydisk. Wer nicht weiß, was das ist, soll doch mal googeln.

Ums Jahr 2005 begann ich mit Vorträgen zur Zukunft im Online-Marketing. Und da merkte ich, wie mich die Zukunft faszinierte. Die Zukunft vorauszusehen ist nun eine meiner Lieblingsbeschäftigungen geworden. Manchmal liege ich daneben, oftmals aber ziemlich richtig.

Letztlich war es immer ein Bauchentscheid, ob ich mein Skript “Wie fischt man Kunden aus dem Internet”, wifimaku oder “Übermorgen” schreibe und sogar gratis abgebe.

Vor dem Buch “Übermorgen” hielt ich einige Vorträge mit dem Titel “Digital 2030”. Da die Leute meine Vorträge immer spannend und unterhaltsam fanden, dachte ich, das jetzt der Zeitpunkt für ein neues Buch gekommen sei. Mein Vortrag hat gleich das Kapitel 3 “Digitale Megatrends – Die Zeitreise hat begonnen” gegeben. Ich musste dann “nur” noch weitere 6 Kapitel schreiben. Das Ergebnis macht aber Freude, nicht nur bei mir.

seo_portalOhne jetzt das Buch zu spoilern: Was ist für dich ein Trend, dem sich niemand wird entziehen können? Und welche Zukunftsphantasie hältst du für total abwegig und unrealistisch?

Jörg GezeichnetZuerst einmal gibt es sehr viele digitale Trends, die sich rasant am Entwickeln sind. Und die lassen sich nicht aufhalten: Der digitale Tsunami kommt, so oder so.

Ich glaube auch nicht, dass Dinge abwegig sind oder unrealistisch. Hätten wir uns vor 20 Jahren das Smartphone vorstellen können? Ich sicher nicht. Heute können wir es uns nicht ohne vorstellen.

Können wir schon bald Gegenstände beamen? Noch nicht, aber wir sind nahe dran. Wir können heute jeden Gegenstand scannen und daraus ein dreidimensionales Modell erstellen, das an einen fernen Ort übermitteln und dort mit einem 3D-Drucker ausdrucken. Wie weit weg ist das vom Beamen?

Als die Internationale Space Station (ISS) 2014 ein Werkzeug benötigte, hat man quasi die Baupläne per Datenübertragung «hochgebeamt» und vor Ort ausgedruckt.

Nasa
Bildquelle: ISS Commander Barry Eugene «Butch» Wilmore holds up the ratchet after removing it from the print tray. (Bildquelle: Photo courtesy of NASA, http://www.madeinspace.us/the-first-uplink-tool-made-in-space-is)

In meinem Buch beschreibe ich in Kapitel 3 “Digitale Megatrends – Die Zeitreise hat begonnen” in 13 Unterkapiteln folgende Trends:

Ich habe die Links extra reinkopiert, weil das Online-Buch wie bei wifimaku gratis zugänglich ist. Zudem konnte ich im gedruckten Buch keine Videos integrieren. In den obigen URLs findet der Leser eingebettete Videos, die die Technologien sehr anschaulich darstellen.

Nochmals zurück zur Frage, was abwegig ist. Schon Wernher von Braun sagte sinngemäß, dass alles, was sich der Mensch ausdenken kann, auch möglich sei. Wernher von Braun war Physiker und Raketeningenieur. Er baute die erste automatisch gesteuerte Flüssigkeitsrakete “V2”, war Mitentwickler der “Saturn V”, die am 20. 6. 1969 Neil A. Armstrong und Edwin Aldrin auf den Mond brachte. Für die damalige Zeit eine unglaubliche Tat.

seo_portalNa dann können wir ja mehr als gespannt sein, was die nächsten Jahre alles für uns bereithalten werden. Kommen wir zu einem anderen Thema, dem Club 55. Kannst du uns diesen Club und seine Ziele – sowie deine Rolle – einmal etwas näher erläutern? Und was ist deine Motivation, dort mitzumachen?

Jörg GezeichnetGute Freunde von mir sind im Club 55 und erzählten immer begeistert, wenn sie vom Jahreskongress zurück kamen. Ich wurde neugierig. Nur kann man dort nicht einfach Mitglied werden, sondern man muss von zwei Mitgliedern vorgeschlagen werden. Dann wird man als Gast zum Jahreskongress eingeladen. Dieser findet immer an besonderen Orten in Europa statt. Dieses Jahr werden wir in der Nähe von Malaga tagen. Die Gäste kommen in der Kongresswoche mit den Mitgliedern in Kontakt, man tauscht sich aus. Wenn es beiderseitig passt, werden sie im Folgejahr als Kandidaten eingeladen, um einen Vortrag zu ihrem Spezialgebiet halten. Dieser wird dann von allen Mitgliedern bewertet. Wenn diese positiv ausfällt, dann wird man als Mitglied aufgenommen.

Club 55 heißt der Club übrigens, weil die Organisation maximal 55 Mitglieder haben soll. Es hat nichts mit dem Durchschnittsalter von 55 Jahren zu tun. Und der Club 55 ist nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Club in St. Tropez in Südfrankreich.

“Unser” Club 55 ist ein internationales Netzwerk aus Experten, die aus den Bereichen Marketing, Verkauf und Management kommen. Ich wurde 2008 aufgenommen, mit meinem Thema “Online-Marketing” war ich eher ein Exot und konnte die Clubmitglieder auf dieses neue Thema neugierig machen. Heute setzen die meisten meiner Clubkolleg/-innen auch Online-Marketing ein.

Eines der Ziele des Clubs 55 ist die Förderung der Interessen und Kompetenzen von Marketing- und Verkaufsexperten auf europäischer Ebene.

Der Mythos des Club 55 wurde 1959 mitunter von Verkaufsgrößen wie Heinz Goldmann begründet, da es damals für Verkäufer und Vertriebler wenig hochstehende Ausbildungsangebote gab. Seither gibt es den jährlichen Kongress, der dank der Qualität der Referenten und Gäste herausragend ist. Es werden auch jedes Jahr Awards vergeben. Zu den Preisträgern gehören beispielsweise Dr. Dieter Zetsche (Daimler), Dr. Michael Otto, Prof. Dr. Fredmund Malik, Prof. Dr. h.c. Reinhold Würth, Klaus J. Jacobs, Dietrich Mateschitz (Red Bull), Dr. Ferdinand Piëch etc. etc. Hier sind alle Preisträger aufgeführt: http://www.club55-experts.com/awards/

Wie du siehst, ein sehr interessanter Club mit Mythos, zu dem man aber nicht so einfach dazu stoßen kann, sondern sich qualifizieren muss. Es werden auch immer wieder Kandidaten abgelehnt, weil sie nicht zum Club passen oder ihre Leistung im Einführungsvortrag schlichtweg nicht gut genug war.

seo_portalDas hört sich nach viel interessantem Austausch an. Kannst du berichten, was die interessantesten Anregungen oder Diskussionen sind, die du bislang aus dem Club mitgenommen hast? Oder ist das alles vertraulich?

Jörg GezeichnetNein, das ist nicht vertraulich, doch so ein Lernprozess ist letztlich immer etwas sehr Persönliches. Im Club 55 haben die meisten Mitglieder einen genial guten Auftritt, das heißt, dass sie rhetorisch brillant und fachlich versiert sind. So habe ich dank der vielen Vorbilder meinen eigenen Auftritt verbessern können – und auch dank der wertschätzenden Rückmeldungen und konstruktiven Kritik anderer Profis. Wichtig dabei ist, dass man andere nicht nachahmt, sondern seinen eigenen Stil entwickelt. Und den habe ich nun gefunden. Der kommt beim Publikum auch sehr gut an. Zum Zweiten schnappe ich an jedem Kongress einige Tipps auf, die ich dann versuche umzusetzen. Manchmal gelingt es, manchmal auch nicht.

seo_portalDa kommen wir direkt zu einer Frage, die ich dir schon lange stellen wollte: Dein Auftritt ist ja vor allem durch eine Farbe definiert. Sobald ich etwas türkises in meinem Feed sehe, bin ich mir sicher, dass es von dir stammt. Wie bist du darauf gekommen? Und ist es manchmal schwer, dass Ganze immer aufrecht zu erhalten?

Jörg GezeichnetWie vieles bei mir, kam das aus dem Bauch heraus. An einem Jahreskongress des Club 55 saß ich mit Ralf Strupat an einem Tisch. Ich bemerkte seine Vorliebe für die Farbe Orange. Er erzählte mir, dass er auch sein Büro in der Farbe ausgestattet habe. Ich fand das cool und entschied gleich vor Ort, dass ich selbiges in türkis machen möchte.

Wenn ich zu Beginn meines Entscheides türkisfarbene Kleidungsstücke suchte, landete ich meist in der Damenabteilung. Heute finde ich glücklicherweise Kleider in türkis auch in der Herrenabteilung. So habe ich heute T-Shirts, Unterhosen, Hemden, Skihelm, Baseballcaps, Sonnenbrillen etc. etc. in türkis.

Heute ist es mein Markenzeichen. Ich kann nicht mehr ohne türkisfarbene Socken zum Haus raus, denn ich werde oft darauf angesprochen. Aber es macht mir auch nichts aus. Wer gerne meine Bilder sehen möchte, der findet die gleich auf meiner Website https://eugster.info. Sie sind wirklich sehenswert. Das merke ich, wenn ich wieder einmal eine ganz spontane E-Mail von jemandem bekomme, der sich auch meine Website “verirrt” hat und mir begeistert schreibt, dass das endlich eine erfrischende Website sei. Meistens sind es Damen, die das schreiben.

So sieht es übrigens aus, wenn ich meine Hemden in die Wäscherei bringe …

Hemden Jörg

seo_portalIch kann mir vorstellen, dass du damit schon einige Kunden auf dich aufmerksam gemacht hast. Wie können wir uns denn deine Arbeit mit Kunden, also in deinem Fall wohl meistens Unternehmen, vorstellen? Berätst du sie allgemein zu digitalen Themen oder hast du dich mittlerweile auf ein Kerngebiet spezialisiert?

Jörg GezeichnetNein, eine Spezialisierung hat mich nie gereizt. So bleibe ich lieber breit aufgestellt. Meine Kunden suchen eine Orientierung in diesem digitalen Dschungel. Es geht hier meist um eine strategische Ausrichtung auf die verschiedenen Kanäle. Doch die digitale Transformation umfasst viel mehr Dinge als nur Online-Marketing.

 

Digital Transformation Final Small

 

In der Abbildung oben, die aus meiner Feder stammt, zeige ich die vier Säulen der digitalen Transformation auf. Das ist genau mein Thema, wo ich meinen Kunden in der Strategiedefinition behilflich bin.

Zuerst braucht es das Fundament mit der Kultur und den digitalen Mitarbeitern und der Zielsetzung, also den strategischen Zielen. Bei den mittleren beiden Säulen geht es um die Neukundengewinnung mit den Instrumenten des Online-Marketings und um den Kundendialog mit Social Media und Newsletter. Die Säule ganz links fokussiert auf die Digitalisierung der Prozesse, und die Säule ganz rechts auf neue digitale Geschäftsmodelle. Wenn eine Unternehmung eine Digitalstrategie entwickelt, dann dient diese Abbildung, um die richtigen Themen anzugehen.

“Es wichtiger, die richtigen Dinge zu tun, als die Dinge richtig tun.” Das Zitat stammt von Peter Drucker, dem bekannten Unternehmensforscher. Viele Firmen tun das, was sie schon immer taten, sehr gut, aber vielleicht sind es nicht die richtigen Dinge, die es braucht, um in Zukunft nicht “weggeUBERt” zu werden.

Heute ist es schwierig, dass Unternehmen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Da biete ich eben als neutraler Berater oder Verwaltungsrat meine ganze Erfahrung an.

seo_portalWas sind für dich bei dieser Aufgabe die größten Hürden? Denn ich kann mir vorstellen, dass viele Unternehmen im Herzen gar nicht von ihrem traditionellen Vorgehen abrücken möchten – auch wenn sie die Notwendigkeit eigentlich erkennen und dich engagieren.

Jörg GezeichnetOftmals ist das Problem, gerade bei Managern meiner Generation, dass sie das nie gelernt haben. Sie nutzen wohl ein Smartphone, Google, E-Mail etc. Sie sind und bleiben Digital Immigrants. Sie sind keine Digital Natives. So fehlt oft das Verständnis dafür. Das merkt man, wenn man sie fragt, in welchen Social Media sie selber aktiv seien. Oftmals hört man, dass sie dafür keine Zeit hätten, die meisten Inhalte auf Facebook und YouTube seien sowieso unbrauchbar und wertlos. Doch fürs Lesen der Zeitung haben sie sehr wohl Zeit. Die Erklärung ist ganz einfach. Für jeden von uns ist das normal, womit wir sozialisiert wurden, also zum Beispiel das Radio, Fernsehen und die Zeitung für unsere Eltern und Großeltern. Da die meisten Leute Gewohnheitstiere sind, möchten sie von dem, was sie gelernt haben, nicht abrücken.

So ist das auch im beruflichen Umfeld. Früher lernte man, wie man Anzeigen in Zeitungen schaltet. Eine Bannerwerbung zu schalten ist für die meisten fremd, zu technisch und es hat viel zu viele Optionen. Langsam aber merkt diese (meine) Generation, dass sie sich den veränderten Rahmenbedingungen anpassen müssen und tun das sehr zögerlich und zaghaft. “Gehen Sie mit der Zeit oder Sie gehen mit der Zeit.” Einige werden es noch über die Ziellinie der Pension schaffen, andere sind noch zu jung, als dass sie es schaffen könnten.

Es gibt aber auch das Gegenteil, wo die Leute weit übers Ziel hinaus schießen. Kürzlich wollte ein Kunde von mir ein Gegenangebot einer SEO-Agentur. Der Marketingleiter hatte sich fix in den Kopf gesetzt, ein “sauteures” SEO-Tool zu beschaffen, das über 30.000 Euro inkl. Betreuung pro Jahr kostet. Er will partout nicht verstehen, dass SEO erst einmal eine konzeptionelle und ständige Angelegenheit ist und nicht einfach an ein Tool delegiert werden kann. “A fool with a tool is still a fool.” Vielleicht kennst du den Spruch, der es aber auf den Punkt bringt.

Vermutlich hat er einen “Geheimtipp” von irgendeinem Freund bekommen, der von SEO auch nicht viel mehr versteht. Ich bin immer noch dabei, ihn von diesem Vorhaben abzubringen, denn das Tool macht ohne die konzeptionelle Arbeit wenig Sinn. Zudem möchte er bald einen Relaunch der Website machen und das Tool noch auf der alten Website einsetzen. Das sagt schon viel aus.

seo_portalWas sind denn in solchen Fällen deine bewährtesten Taktiken, um deinen Gegenüber zu überzeugen? Arbeitest du zum Beispiel mit Fallstudien aus der eigenen Vergangenheit? Und wann ist für dich der Punkt erreicht, an dem du eine Zusammenarbeit beendest, weil die andere Seite einfach nicht auf dich hören will?

Jörg GezeichnetDa habe ich vielleicht als Internet- und Online-Marketing-Pionier einen leichten Vorteil, dass mir die Kunden das eher abnehmen. Nur gelingt mir das nicht immer. Beim oben genannten Beispiel werde ich den Kunden, wenn er auf seiner Lösung beharrt, eine schriftliche Bestätigung geben lassen, dass das nicht der Schritt war, zu dem ich ihm geraten hatte. Das musste ich erst einmal in all den Jahren machen. Als ich den Kunden bat, mir zu bestätigen, dass ich für die andere Lösung sei, habe ich ihn aufgeschreckt, er hat nochmals überlegt und ist dann meiner Empfehlung gefolgt. Meist gelingt mir das aber durch eine Diskussion mit den richtigen Argumenten und ich muss glücklicherweise nicht zu solch drastischen Maßnahmen greifen.

Als Berater hat man nämlich folgendes Dilemma: Wenn der Rat gut war, dann feiert sich der Kunde intern als der “Hero”, wenn der Rat schlecht war, dann war halt der Berater schuld. Darum bekommen wir auch “Schmerzensgeld” und keinen Lohn. 😉

seo_portalDas kann ich mir in manchen Fällen sehr gut vorstellen. Zum Abschluss auf Grundlage deines Vortrages bei SwissLife: Gibt es auch einen digitalen Trend, der dir Angst macht? Zum Beispiel, weil er das menschliche Zusammenleben komplett auf den Kopf stellen könnte.

Jörg GezeichnetNein, davor habe ich überhaupt keine Angst. Die meisten Menschen sind Gewohnheitstiere und verlassen nicht gerne den gewohnten Pfad. So wird alles normal, was gestern noch utopisch erschien. Wie lange gibt es Smartphones? Erst 10 Jahre. Das iPhone kam Anfang 2007 auf den Markt. Und heute laufen alle mit gesenktem Kopf herum, über die Straße, auf dem Fahrrad und die Mutter mit dem Kinderwagen. Das bezeichne ich jeweils in meinen Vorträgen als “Generation HD”. HD steht hier für “Head Down”, so wie ich das auch im oben genannten Vortrag gezeigt habe. Hätten wir uns vor 11 Jahren vorstellen können, dass wir einst ständig ein Handy in der Hand haben? Wohl kaum.

Angst habe ich nur vor einem Krieg, der plötzlich kommen könnte, weil irgendwelche irrwitzigen Politiker am falschen Knopf drücken. Ein solcher könnte dann alle digitalen Errungenschaften (und mehr) in einem Moment vernichten. Davor und nur davor habe ich Angst. Alles, was unsere digitale Zukunft betrifft, begrüsse ich, denn ich bin ja ein Botschafter der digitalen Zukunft. Und noch etwas: Letztlich entscheidet immer der Markt. Was unnütz ist, wird sang- und klanglos verschwinden.

seo_portalDas ist doch mal ein ermutigendes Statement. Vielen Dank noch einmal, dass du dich zu einem Gespräch mit uns bereit erklärt hast. Die letzten Worte gebühren natürlich dir.

Jörg GezeichnetVielen Dank, Oliver, für das Interview.

Mein Schlusswort? Man soll den Veränderungen in Zeiten der digitalen Transformation mit Offenheit begegnen. Erinnern wir uns an Zitate von Rupert Murdoch (“The internet will be over soon.”) oder von Kaiser Wilhelm II. (“Pferde wird es immer geben. Automobile sind nur eine vorübergehende Modeerscheinung.”) dann werden wir gewahr, dass viele Neuerungen für uns oftmals einfach ungewohnt, aber morgen schon Normalität sind.

Das Morgen von heute ist das Gestern von Übermorgen.

Werbung

TEILEN
Nach meinem Studium der Politikwissenschaften (Schwerpunkt Diplomatie) habe ich im Juni 2015 das SEO Portal bei der imwebsein GmbH mitgegründet. Seit Januar 2017 bin ich nun als Chefredakteur für den redaktionellen Teil zuständig. Daneben kümmere ich mich als ehrenamtlicher Pressewart um die Öffentlichkeitsarbeit des Badminton-Club Tempelhof.

1 KOMMENTAR

  1. Ich fand den Bericht ein wenig überzogen, wahrscheinlich weil ich mir die Mühe gemacht habe die Kanäle der Herrn Jörg Eugster mir einmal anzuschauen?

    Was mir am besten gefiel ist “A fool with a tool is still a fool.” das trifft gerade auf viele in der SEO Szene zu die vor lauter Tools nicht wissen wie man SERPs interpretiert. Das wird Google Sprecher Gesülze so oft nachgeplappert das man es selbst zu glauben beginnt. Anscheinend ist noch keinem durch den Kopf gegangen das die oft gegensätzlichen Aussagen der Google Sprecher System hat, es soll diejenigen Verunsichern die eh wenig richtige Ahnung haben.

Hinterlasse eine Antwort